AKTIONSVERANSTALTUNG im Rahmen der Aktionswoche gegen befristete Beschäftigungen auch an der TU Darmstadt – SEI DABEI!

Wann? 16. Januar 2020, 17:00 Uhr c.t.

Wo? S1|03 Raum 204 (altes Hauptgebäude)

Offener Brief des „hessischen Mittelbaus“ zur Bayreuther Erklärung

„Wir fordern eine Erklärung!“ – wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Hessen entsetzt über die Bayreuther Erklärung der Universitäts-Kanzlerinnen und -Kanzler

Frankfurt (GEW): Die Initiative für gute Arbeit an hessischen Hochschulen, ein Zusammenschluss von Hochschulmitarbeiterinnen und -mitarbeitern sowie Promovierenden, ist über die jüngste Bayreuther Erklärung der Kanzlerinnen und Kanzler deutscher Universitäten empört. Sie fordert in einem offenen Brief an die hessischen Universitäten, dass ihre Hochschulleitungen zur Bayreuther Erklärung universitätsöffentlich Stellung beziehen. Zudem soll in den Gremien über die Einrichtung zusätzlicher Dauerstellen diskutiert werden. Das wissenschaftliche Personal ist mehr als „Nachwuchs“, sondern wesentlicher Träger von Forschung und Lehre. Die Bayreuther Erklärung hat das bestehende Befristungsunwesen an den Hochschulen verteidigt und damit die Debatte über akademische Karrierewege neu angeheizt.

Für die Initiative kritisiert Dr. Simone Claar, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kassel: „Diese Stellungnahme der Kanzlerinnen und Kanzler ist nicht nur unsachlich, sondern zum jetzigen Zeitpunkt auch völlig unangemessen. Wir sind schockiert über den Duktus, in dem berechtigte Interessen der Mitarbeitenden hier wahrgenommen werden.“ Die Kanzlerinnen und Kanzler hatten in ihrer Erklärung behauptet, durch umfangreiche Entfristungen werde der Ausbildungsauftrag der Hochschule unterlaufen. „Niemand fordert die Entfristung aller Beschäftigten, sondern lediglich die notwendige Korrektur einer aus dem Ruder gelaufenen Entwicklung“, hält Dr. Bianca Prietl, Mitarbeiterin an der Technischen Universität Darmstadt, der Kanzlerin und den Kanzlern der hessischen Universitäten entgegen.

Die Initiative möchte mit ihrem offenen Brief auf die Anliegen des „Mittelbaus“ aufmerksam machen und sich für mehr unbefristete Beschäftigung an Hessens Hochschulen einsetzen. Carsten Hoffmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Philipps-Universität Marburg, kann sich diese Positionierung seitens des Kanzlers seiner Universität nicht erklären: „Herrn Nonne haben wir bisher immer als Kanzler wahrgenommen, der die Anliegen und auch Zukunftssorgen seiner Beschäftigten ernst nimmt. Eine solche Haltung passt nicht zu ihm.“

Den offenen Brief haben 20 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus Hessen unterzeichnet. In der landesweiten Initiative sind gut 200 junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammengeschlossen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hessen (GEW) sowie ver.di Hessen arbeiten in der Initiative mit dem Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGA Wiss) zusammen. Der Brief ist online zu finden unter: https://cutt.ly/KexX0Cz

Für eventuelle Rückfragen steht gerne Tobias Cepok, Referent für Hochschule und Forschung der GEW Hessen, mobil zur Verfügung: 0175-9337730

Eine differenzierte Auseinandersetzung mit und Gegenstellungnahme zur Bayreuther Erklärung hat auch das Netzwerk Gute Arbeit in der Wissenschaft verfasst. Mehr unter: https://www.mittelbau.net/bayreuther-bankrotterklaerung/

Aktionstreffen darmstadt-un-befristet am 30. Oktober, 13:00 Uhr

Frist ist Frust – Schluss mit Befristungen!

Kommt zum
Aktionstreffen darmstadt-un-befristet
am 30. Oktober um 13:00 Uhr
im Sitzungsraum des Personalrats
,
S1 I 03, Raum 271, im alten Hauptgebäude!

Mit dabei:

  • Aktivist*innen von »Uni Kassel Unbefristet«, die von erfolgreichen Aktivitäten berichten
  • Vertreter*innen von GEW und ver.di
  • möglichst viele von euch,

um zu diskutieren: Welche Aktionen können wir gemeinsam gegen das Befristungsunwesen an der TU Darmstadt auf die Beine stellen?

Wenn viele aktiv werden, können wir viel bewegen.
Kommt zum Treffen und bringt eure Kolleg*innen mit!

Nachdenkliches zur Uni-(Un-)Kultur

Gravamina der deutschen Universität

Karoline Döring

In den letzten Wochen haben vermehrt Forscher*innen über Twitter ihre Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen an deutschen Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen geäußert. Dabei haben sich sehr intensive, aber auch sehr demotivierende Diskussionen und Gespräche ergeben. Viele teilen gerade unter dem Hashtag #unbezahlt persönliche Erfahrungen und Beispiele von betroffenen Kolleg*innen. Brisanz entwickelte das Thema, nachdem in den vergangenen Tagen ein Tweet eines Forschers die Runde machte, der 997 Arbeitsstunden in das Schreiben eines großen Forschungsantrags investiert hatte, der zu seinem Glück genehmigt wurde. Man mag sich nicht vorstellen, was für eine Wirkung eine Ablehnung gehabt hätte! Viele Forscher*innen kennen diese unsichtbaren Arbeiten, die oft „on top“, noch öfter unbezahlt und nicht selten mit ungewissem Ausgang wie im obigen Fall verrichtet werden müssen.

Wie es für das Medium Twitter zu erwarten war, hat sich die Diskussion schnell vom Ursprungsthema weg hin zu vielen neuen Aspekten der Unzufriedenheit mit dem „Unisystem“ hinbewegt. Auch vermischten sich die Diskussionsstränge. Unter dem Hashtag #unten machten einige darauf aufmerksam, dass der Wissenschaftsbetrieb Arbeiterkinder, die von vornherein mit schwierigen Ausgangsbedingungen in die Unikarriere starten, weiter benachteilige, indem er stillschweigend unbezahlte Tätigkeiten voraussetze, die diese nicht oder nur unter allergrößten Entbehrungen leisten könnten. Unausgeprochene Erwartungen der unbezahlten Mehrarbeit, ständigen Verfügbarkeit, bedingungslosen Unterordnung und viele andere, die den Wissenschaftsbetrieb verseuchen und die körperliche und geistige Gesundheit seiner Beschäftigten bedrohen, wurden außerdem unter dem Hashtag #toxicacademia diskutiert.

Es ist an der Zeit die vielen verschiedenen Diskussionsfäden ein wenig zusammenzuführen. Wir haben uns dafür entschieden, dies als Liste der Gravamina zu tun. Wir wollen die Missstände benennen ohne dafür Lösungen anzubieten. Zwar ist oft und viel über die Arbeitsbedingungen in der Wissenschft geklagt worden, für das prominenteste Übel, die Befristung, liegen auch Lösungsansätze wie die Idee der Bundesprofessur oder die Abschaffung der Lehrstühle zu Gunsten einer Departmentstruktur vor. Doch sind das Wunderkuren, die versprechen ein einzelnes, wenn auch hartnäckiges Symptom einer viel schwereren Krankheit zu therapieren – einer Krankheit, deren schleppenden Heilungsprozess auch wir mitverantworten, da wir uns selbst nicht oft genug der angezeigten Schonung unterwerfen, sondern unter Missachtung aller Anzeichen weiter unsere Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Mit anderen Worten: Wir stabilisieren ein System, das uns destabilisiert.

Deswegen muss Schluss sein mit:

1. unbezahlten Rezensionen. Damit wird unter dem Vorwand der Notwendigkeit für den wissenschaftlichen Diskurs eine Gratiskultur der wissenschaftlichen Reflexion etabliert.

2. unbezahlten Vorträgen. Damit wird akademischer Austausch als eines der wissenschaftlichen Kerngeschäfte zum Privatvergnügen, das der eigenen Weiterbildung, nicht der Erledigung der Dienstaufgaben dient, erklärt.

3. unbezahlten Tagungsbesuchen. Dito. „Netzwerken“ ist ein Pseudo-Argument.  

4. unbezahlter Tätigkeit für Wissenschaftsverlage. Damit werden Forscher*innen für ein weiteres ihrer Kerngeschäfte nicht nur nicht entlohnt, sondern verrichten als mit öffentlichen Geldern finanzierte Angestellte Gratisarbeit für den Profit privater Wirtschaftsunternehmens.

5. unbezahlten Gutachten. Damit wird unter dem Vorwand der Selbstregulierung durch die wissenschaftliche Community in einem Fall grundlegende Arbeit solcher privater Wirtschaftsunternehmen an die öffentliche Hand abgegeben (nicht aber ein Teil des Gewinns!), im anderen Fall die Finanzierung von Forschung über Drittmittel stabil gehalten.

6. unbezahlter Titellehre. Damit wird aus einer formalen Notwendigkeit eine Möglichkeit unentgeltlich freiwilliges Personal einen beträchtlichen Teil der universitären Lehrpflicht erledigen zu lassen.

7. unbezahlten Lehraufträgen. Dito. Nur diesmal ganz ohne formale Notwendigkeit, denn Lehraufträge werden auch von Promovierten oder Promovierendem angenommen, um die für die Karriere notwendige Lehrerfahrung zu sammeln.

8. Lehraufträgen, die keine Vorbereitungs-, Betreuungs- und Prüfungszeit vergüten. Damit verringert sich die Entlohnung bei einer durchschnittlichen Vergütung von 25.- je gehaltener Stunde nämlich weit unter Mindestlohn, wenn nicht gar unter Existenzminimum.

9. Stipendien ohne soziale Absicherung. Damit entzieht sich die Universität als „Arbeitgeberin“ ihrer sozialen Verantwortung.

10. unbezahltem Anträge schreiben. Damit wird unbezahlte Arbeit zur Voraussetzung für bezahlte Arbeit und die bereits aufgeheizte Drittmittelmaschine weiter befeuert.  

11. der Ausschreibung von Teilzeitstellen, auf denen dennoch Vollzeitbeschäftigung erwartet wird. Damit wird Wissenschaft zur Lebensform erhoben und ein Privileg der oberen Klasse.

12. der Auffassung, dass Wissenschaft kein Beruf, sondern eine Lebensform ist. Damit wird Wissenschaft zum Hobby, seine Ausübenden zu Dilettant*innen im ursprünglichen Sinn des lateinischen delectari „sich erfreuen“, „sich ergötzen“, zu einer Liebhaberei entwertet.

13. der Auffassung, dass Wissenschaft eine Berufung ist. Damit wird unbezahlte Mehrarbeit fester Bestandteil der Ausübung des Brotberufs.

14. der unausgesprochenen Forderung nach Arbeit an „Nicht-Arbeitstagen“ d. h. in der Freizeit, am Abend, am Wochenende, im Urlaub. Damit wird ein übergangsweiser Status der privaten Entscheidung zum dauerhaften Zustand des öffentlichen Betriebs erhoben.

15. der eigenen Dauerflexibilisierung und Selbstoptimierung. Damit wird die Verantwortung für den Erfolg und die Schuld am Misserfolg allein auf die Forscher*innen abgewälzt.

16. der Verbreitung des neoliberalen Märchens, dass wer sich nur genug anstrengt, es am Ende auch schaffen wird. Damit macht das System alle Verbliebenen zu Erfolgsmenschen, alle Aussteiger*innen zu Gescheiterten.  

17. der Auffassung, dass unbefristete Anstellungen zum geistigen Stillstand und zu verminderter Leistung führen. Damit wird nicht nur den unbefristet Angestellten mangelnde Leistungswilligkeit unterstellt, sondern auch die Auffassung, dass nur genügend Druck zu Höchstleistungen führt, zum Prinzip erhoben.

18. der Selbstverständlichkeit, mit der angenommen wird, dass Familie, Partner*innen, Freund*innen, Sozialämter unbezahlte Arbeit ausgleichen. Damit werden nicht nur Geldströme widrig umgeleitet und öffentliche, soziale Verantwortung auf das Private abgewälzt, sondern auch Rollenklischees zementiert.

Wir können und sollten nicht länger das System stabilisieren.

Wir können und sollten diese unbezahlte Arbeiten ablehnen.

Wir müssen uns mit denen solidarisieren, die das tun. Und nicht mit denen, die warten bis jemand vor uns aus der Reihe kippt, weil er/sie einfordert, was ihm/ihr rechtmäßig zusteht.

Wir müssen laut werden und diese Gravamina ansprechen, sie in die nächste Generation von Forscher*innen tragen und dort ein Bewusstsein für gute Arbeitsbedingungen schaffen. Denn leider haben schon viel zu viele das gegenwärtige System und seine unausgesprochenen Erwartungen internalisiert. Es geht auch anders. Es muss.

Quelle: https://docs.google.com/document/d/1M-hu3milaW02JJOmPnihOegOVPbeLNMiu-hRvQdk34c/mobilebasic


FRIST IST FRUST – ENTFRISTUNGSPAKT 2019

Das Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) und die Gewerkschaften GEW und ver.di haben gemeinsam mit anderen einschlägigen Akteur*innen eine Kampagne gegen Befristung gestartet: http://frististfrust.net/

JETZT MITMACHEN, UNTERSTÜTZEN UND PETITION UNTERZEICHNEN!